Existenz und Logos
Zeitschrift für sinnzentrierte Therapie, Beratung, Bildung
Herausgeber
Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse e.V.
Redaktion
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HEFT: 19 / 2011
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- EDITORIAL -
zur Zeitschrift - Heft 19 / 2011
Zum Editorial in Heft 18/2010, in dem ich die Sinnfokussierung als eine wenngleich so bislang noch nicht titulierte Methode der Logotherapie bezeichnet habe, gab es einige wenige Einwände von Seiten der Leserschaft. Ich möchte sie im folgenden darstellen und kurz auf sie eingehen. Die Einwände lassen sich in drei Kategorien einteilen:
1. Das traditionalistische Gegenargument. Es lautet lapidar: „Wir haben in der deutschsprachigen Logotherapie die Sinnfokussierung noch nie als Methode bezeichnet.“
Unabhängig von der Frage, ob diese Aussage tatsächlich stimmt, besitzt das Argument als solches doch nur eine schwache Überzeugungskraft. Denn generell gilt, dass man aus Fehlern lernen darf: Dinge, die vielleicht so noch nicht gesehen wurden, muss man deshalb nicht auch künftig übersehen.
2. In die gleiche Richtung wie das traditionalistische geht das historisierende Gegenargument: „Frankl selbst hat die Sinnfokussierung nie als Methode bezeichnet.“
Auch hier möchte ich die Frage offenlassen, ob das wirklich stimmt, und statt dessen auf Frankls häufig geäußerte Stellungnahmen verweisen, in denen er betont, dass er sich über Weiterentwicklungen seiner Logotherapie freut (vgl. Viktor Frankl, Die Entgurufizierung der Logotherapie, in: Existenz und Logos, Heft 1/2005, S. 8). Die Sinnfokussierung als Methode zu bezeichnen, wäre meines Erachtens eine weiterführende Präzisierung.
3. Schwerwiegender als die beiden erstgenannten Gegenargumente wiegt freilich das methodologische Gegenargument, wonach Sinnfokussierung nicht unter den Begriff der Methode falle.
Darüber kann man in der Tat unterschiedlicher Meinung sein. Nach den üblichen Definitionen versteht man unter „Methode“ ein Verfahren/eine Vorgehensweise/einen Weg zur Erreichung eines Ziels. Der entscheidende Punkt in der Frage „Sinnfokussierung: Methode oder nicht?“ ist demnach, ob man Sinn als Ziel oder als Weg zu einem Ziel sieht. Theoretisch ist beides möglich:
Wenn man Sinn als Ziel an sich betrachtet, wird man Sinnfokussierung nicht als Methode ansehen, sondern als Zielvorgabe, für deren Erreichung dann eine Reihe anderer Methoden dienlich sein kann.
Sieht man demgegenüber die Realisierung von Sinn als Weg zur Erreichung eines Ziels, muss man Sinnfokussierung als Methode bewerten; dann aber muss man auch ein Ziel vor Augen haben, das mit Sinn nicht identisch ist. Das könnte z. B. eine erfüllte Lebensgestaltung sein. Ist erfüllte Lebensgestaltung das Ziel, dann ist Sinnfokussierung (und Sinnrealisierung) Weg zur Erreichung dieses Ziels, mithin selbstverständlich Methode.
Die hier anknüpfende Diskussion muss sich der Frage stellen, ob Sinn als Ziel an sich betrachtet werden kann und soll oder ob Sinn bzw. Sinnrealisierung nicht stets im Dienst der Lebensgestaltung steht. Die psychotherapeutische Arbeit ist mit der Lebensgestaltung von Klienten/Patienten konfrontiert, das zeigen auch alle mir bekannten Fallbeispiele Frankls. Daher plädiere ich dafür, die Sinnfokussierung als im Dienst einer erfüllten Lebensgestaltung stehend und damit als Methode zu betrachten, und zwar als die zentrale Methode der Logotherapie.
Peter Suchla